22-01-Neustrelitz bis nach Vilnius
25. Mai 2022, Mittwoch
10:30 Uhr Abfahrt; km-Stand 182 646
12:40 Uhr Tanken in Stettin bei Ster für 1,55€ pro Liter, in Neustrelitz waren es knapp 2€/l.
14:30 Uhr Einkauf für unsere Reise beendet.
Bis in die Neustrelitzer Partnerstadt Szczecinek haben wir es nicht geschafft. Unterwegs Regen und Stau.
Csaplinek/Tempelburg, eine laut Wikipedia 7200 Einwohner zählende Stadt, ist heute unser Übernachtungsort. Wir stehen frei am Slawendorf und direkt hinter der Polizeiwache.
Kurzer Rundgang durch den Ort. Wir staunen immer wieder darüber, was sich seit dem EU-Beitritt in Polen entwickelt hat. Sauber, aufgeräumt, öffentliche Plätze zum sich treffen und spielen in großer Zahl vorhanden und scheinen genutzt zu werden. Die noch vor 15 Jahren maroden Straßen sind zum größten Teil in sehr gutem Zustand. Die privaten und öffentlichen Häuser sind zu geschätzt 70% saniert. Ja, wir sind begeistert. Hier sind die „blühenden Landschaften“ entstanden. Es dauert eben seine Zeit. Das durch die EU bereitgestellte und nach EU-Regeln überprüfte Geld scheint ohne / mit wenig Korruption bei den Empfängern angekommen zu sein.
Warum heißt Csaplinek eigentlich Tempelburg? Laut Wikipedia befand sich am Südufer des Dratzigsees zunächst eine wendische Siedlung mit Namen Csaplinok, d.h. Reiherburg. 1286 schenkte der polnische Herzog Przemislaw II. das Land um den Dratzigsee dem Templerorden. Dieser errichtete dort eine Wehranlage, die später als „Tempelborch“ erwähnt wird. Es wird vermutet, dass es sich dabei um ein Blockhaus handelte.
Ü: 53.5683, 16.23216
26. Mai 2022, Donnerstag
Von Csaplinek nach Szczecinek dauert es keine Stunde. Wir finden einen guten Platz am See mit schicken Gaststätten vor uns.
Das Problem, welches wir heute haben ist der Regen.
OK, auch nicht schlecht, da habe ich etwas Zeit um die Bilder und Videos auf dem Computer und auf meiner mitgebrachten SSD, das ist eine schnelle Festplatte, aufzuräumen.
Gegen 14:00 Uhr hat es sich ausgeregnet. Räder raus und zum Rathaus radeln. Hier auf dem Marktplatz findet ein „Jahrmarkt der Kreativität von Menschen mit Behinderung“ statt übersetzt mir meine Lieblings-Übersetzter-App. Es ist beeindruckend, wie sich die polnische Gesellschaft positiv verändert hat. Daran hätte vor 15 Jahren keiner geglaubt. Der Umgang mit den Schwachen der Gesellschaft scheint sich grundlegend geändert zu haben.
Der nächste Regenschauer schickt uns in ein neues Cafe am Ende der Bummelmeile. Nach Kaffee und Kuchen scheint wieder die Sonne.
Vor rund 15 Jahren waren wir mit Angelika und Bernd, Brunhild und Hartmut mit den Kindern Carlotta und Bengta und Petra und ich zum Start unserer ersten Baltikum-Tour schon mal hier. Den Ort des Campingplatzes suchen und finden wir, nur steht jetzt ein Hotel auf diesem Gelände. Bis zum Abendbrot ist noch Zeit, also lass uns noch ein bisschen am Ufer entlangfahren. Daraus wird dann eine Umrundung des Stretzigsees auf gut zu fahrenden Radwegen.
Für den Abend wollten wir in der Gaststätte vor uns am See Abendbrot essen. Beim Erkundigen fragt uns die Kellnerin: „Haben Sie vorbestellt?“ Wir: „Nein“. Sie: „Ohne Reservierung gibt es heute keinen Platz.“ Wir: „???“. Sie: „Ja, heute ist in Polen Muttertag. An solchen Tagen sind wir ausgebucht.“
Ist schon interessant. Auch in Polen ist heute Christi Himmelfahrt. Das ist hier der Muttertag. In Deutschland ist das der Tag des Herrn, der Herrentag, der Männertag, der Vatertag. Ganz andere Traditionen!
Zu Abend landen wir dann beim „Berliner Kebab“, hat auch sehr gut geschmeckt.
27. Mai 2022, Freitag
Von Czczecinek nach Deutsch Eylau / Ilawa.
Der Weg in den Osten Polens ist lang. Deutsch Eylau hört sich als Ziel interessant an.
Bei Wikipedia lese ich sinngemäß: In einer Urkunde von 1338 wird der Name der Stadt in Lateinisch mit “Ylavia“ und in Deutsch mit „Ylaw“ oder „Ylau“ angegeben. Aus dem im 15. Jahrhundert verwendeten lateinischen Namen „Ylow theutonicalis“ entstand schließlich „Deutsch Eylau“.
Ich bin nicht zufrieden, was heißt „ylow“ – aus dem lateinischen übersetze ich „gelb“, englisch yellow – gelb. Das passt irgendwie!
Aber, was ist hier gelb? Das wird wohl ein ungelöstes Problem für mich bleiben.
Im Wappen von Preußisch Eylau finde ich wenigstens einen aufrechten gelben Löwen.
Unabhängig von meinen obigen Überlegungen ist auch Ilawa eine Stadt mit einem hohen Lebenswert. Wir stehen neben dem Sportkomplex, einer tollen Freilichtbühne, beides an einem sehenswerten See.
Ü: 53.595822, 19,561253
ILAWA, Dom auf dem Berg, davor Kino und Sportkomplex
28. Mai 2022, Sonnabend
Über Allenstein und Mragowo (Sensburg) und Pisz (Johannisburg) in den Biebrzanski Park Narodowy. Das Wetter ist so wie bei uns im April. Regen und Sonne wechseln sich in schöner Regelmäßigkeit ab. Der Biebrza-Nationalpark ist der größte NP Polens. Der Fluss Biebrza mäandert durch eine Sumpf- und Torfmoorlandschaft nordwestlich von Bialystock. Neben Elchen, Bibern, Ottern und Wölfen brüten und leben hier unglaubliche 273 Vogelarten. Zurzeit sind die Störche sehr aktiv. Bei diesem Nahrungsangebot (Frösche in den Wiesen!) kein Wunder.
Die Biebrza (weißruss. Oder ukrainisch Bobr oder deutsch Bober) entspringt rund 5km von der belorussischen Grenze entfernt bei Nowy Dwor und mündet nach 165 km in die Norew und fließt von dort über die Weichsel in die Ostsee.
An der Nationalparkverwaltung holen wir uns Informationen.
In Dolistowo Stare finden wir an einem Wasserwanderrastplatz unseren komfortablen Nachtplatz. Die Wiese ist voller Kanus und voller Zelte, vor allem aber ist sie wegen des ständigen Regens richtig nass. Und trotzdem, die knapp zwanzig Paddler sind bester Stimmung.
Ü: 53.550185, 22.901912
29. Mai 2022, Sonntag
Wir bleiben noch einen Tag hier im Nationalpark.
Die letzten Paddler verlassen den Biwakplatz. In einer Regenpause fahren wir mit den Rädern flussabwärts, zwischendurch nehmen wir noch einen Schauer mit.
Am Nachmittag dann in die Gegenrichtung wieder mit den Rädern. Unendliche Weiten, Wiesen-, Torf- und Flusslandschaft. An einem Infopunkt lesen wir, dass ganz in der Nähe die erste Schleuse des Augustow-Kanals ist und von einem Hochstand in der Nähe soll man einen guten Überblick über das Gelände haben. Gelesen, überlegt, getan und nicht bereut. Das Wetter hat diesmal mitgespielt.
Auf der Nationalparkkarte lesen wir was vom geographischen Mittelpunkt Europas. Da müssen wir hin! Sind wir doch auf dem Weg zu einem anderen Extrempunkt von Europa, dem Nordkap.
1775 hat der polnische Kartograph und Astronom Simon Antoni Sobiekrajski den Mittelpunkt Europas in Suchowola berechnet.
Ich erkläre mir den Mittelpunkt Europas so:
Vorüberlegung: Einen Besen mit Stiehl kann man auf einen Finger legen, so dass er nicht herunterfällt.
Genauso kann man es mit einer Karte von Europa machen. Die Karte von Europa wird auf ein gleichmäßig dickes/dünnes Brett gezeichnet. Der Umriss wird ausgeschnitten. Der Punkt dieses Brettes, an dem es stabil auf einer Nagelspitze liegt, ist der Massen-Mittelpunkt Europas. Je nachdem, wie man die Grenzen Europas definiert, hat man selbstverständlich unterschiedliche Mittelpunkte. Deshalb finden polnische Wissenschaftler den Mittelpunkt in Polen, Bayern finden den Mittelpunkt in Bayern, bei Dresden soll einer liegen, in den ukrainischen Karpaten haben Österreicher den Mittelpunkt Europas verortet, als dieses Territorium auf dem Gebiet von Österreich-Ungarn lag. Nördlich von Vilnius werden wir unseren zweiten Mittelpunkt Europas finden und dokumentieren.
30. Mai 2022, Montag
Der Tag beginnt mit Regen. Heute Abend wollen wir in Vilnius sein.
Vorher fahren wir zum Mittelpunkt Europas in Suchowola. Hier schwimmen die Straßen. Raus in den Regen, fotografieren und mit nassen Schuhen zurück ins Wohnmobil. Das ging sehr schnell.
Unsere polnischen Zloty brauchen wir für einige Zeit nicht mehr. Die Vorräte werden aufgefüllt und der Rest unseres polnischen Geldes kommt als Diesel in den Tank. Im Baltikum ist der Diesel laut Internet rund 30ct teurer.
In der EU über Grenzen zu fahren ist so einfach. Ein Schild mit dem Landesnamen steht an der Straße, die Schrift ist eine andere und dann ist man in einem kulturell anderen Land. Irgendwie irre!
Bei Druskininkai / Druscheniken gibt es einen skurrilen Park.
Ein Millionär hat nach dem Zerfall der Sowjetunion in ganz Litauen ungeliebte Denkmale aufgekauft und diese auf seinem Grundstück aufgestellt. Mehrere Lenin, Marx, Engels, Dserschinskis sind als Zeugen einer vergangenen Zeit dort gut aufgehoben. Genauso wie andere ungeliebte Persönlichkeiten und monumentale Propagandawerke. Ich haste durch den Regen und fotografiere ungefähr 125 Bildhauerarbeiten. Die Schuhe und Hosen sind vom Regen durchnässt, die Kamera ist feucht. Hoffentlich hat sie diese Tortur gut überstanden.
Weiter über die gut ausgebaute Straße nach Vilnius auf den Stadtcampingplatz.
Der Regen hört auf, wir haben Strom, Toiletten, Duschen und stehen direkt neben dem WLAN-Sender.
31. Mai 2022, Dienstag
Für heute ist bestes Stadtbesichtigungswetter angesagt. Räder raus und in die Hauptstadt Litauens. Uns gefällt’s! Es macht Spaß diese moderne, junge, aufstrebenden Stadt zu besichtigen!!!
Die Veränderungen zu vor rund 15 Jahren sind auch in Litauen enorm. Die Verbesserung der Infrastruktur ist gewaltig, die Häuser sind zu vielleicht 75 % saniert. Es gibt noch viel zu tun, das ist richtig, aber wie es getan wird, das ist fantastisch! Eine weltoffene Stadt. Modernes und Altes wird miteinander intelligent verbunden. Wir sind mal wieder begeistert.
Die vielen ukrainischen Flaggen, die vielen Angebote im Stadtbild an ukrainische Flüchtlinge machen Mut. Es ist nicht nur symbolisch. Wir lesen daraus auch ab, dass die Angst vor einem Einmarsch der russischen Armee in das Baltikum als reale Gefahr wahrgenommen wird.
Ein Gruß an den Filmclub in Neustrelitz
Link zum Video "Vilnius": https://youtu.be/HcCS_xLCW7A
1. Juni 2022, Mittwoch
Die Internetverbindung müssen wir ausnutzen. Ab dem Nachmittag wird es regnen. Beste Zeit, das Wohnmobil aufzuräumen und um unseren ersten Post zu beenden und zu verschicken.
Viel mehr wird heute nicht passieren.




Ich verfolge Deinen Blog mit großem Interesse. Die auf dem Bild linke Gaststätte "Tännchen" in Szczecinek war früher das Kanubootshaus. Ist lange her. Litauen ist auch auf unserer Wunschliste. War zu DDR Zeiten mit dem Sport dort. Hat sich sicher doll verändert !
AntwortenLöschenGute Weiterreise !
Hans
Viele Grüße von Ulli! Es ist sehr interessant, die Berichte zu lesen, weiterhin gute Fahrt!
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